A U T O P O L I S

Das Schamtuch drückte dem Jungen schmerzhaft gegen die Hoden. Die Frau zerrte nervös daran herum. Er drehte den Kopf zu Seite, um seine Tränen zu verbergen. Schwer atmend lehnte er sich an die Wand. Der kalte Beton ließ ihn frösteln.

"Lauf' einfach links von der Gruppe", riet sie.

"Geht nicht, wir müssen Abstand voneinander halten, Mutter!"

"Wirst du es schaffen?"

Er schüttelte wortlos den Kopf.

"Noch könntest du zurücktreten", murmelte sie.

"Und dann? Diese Wurzeln kauen und jedes Jahr mit im Käfig sitzen? Nein, Mutter!"

Er setzte seine Gymnastik fort. Sein rechtes Bein würde nie geschmeidig werden. Die Sehne war zu kurz, um es ausstrecken zu können; geschweige denn, schnell damit zu laufen.

"Warum haben sie dich in eine andere Gruppe gesteckt?"

"Sie wollen sicher gehen, daß ich so alleine laufe, wie die anderen Jungen auch! AB'iös könnte mir sonst vielleicht helfen. Außerdem darf jede Arbeiterfamilie nur einen Sohn behalten. Jetzt nehmen sie ihre Großzügigkeit zurück, ohne offiziell werden zu müssen!" stieß er grantig hervor.

"Sag' so etwas nicht, AB'iel. Jeder Mann muß laufen! Und dein Vater hat dem Pontifex wertvolle Dienste erwiesen ..."

"... und ist dabei ums Leben gekommen!" unterbrach er.

"Zum Dank dafür durfte ich bei euerer Geburt dich und einen Bruder behalten. Obwohl ihr männliche Zwillinge seid. Der Tempel ließ mir zwei Söhne, weil sich mein Mann aufgeopfert hatte. Sprich also nicht so abfällig vor deinen Schwestern über die Priesterschaft," ermahnte sie den Jungen.

"Ja, Mutter, nur leider ist mein rechtes Bein verkrüppelt. Das wußte sie, deshalb gestatteten dir die Priester, mich ebenfalls zu behalten! Doch jede Familie darf nur zwei Männer haben, Vater und Sohn. Wenn der Vater stirbt, seine Sache!" ereiferte sich der Jüngling. "Und der hinkende Sohn wird keine Stunde älter als das Morgenrennen!"

Jetzt weinte die Mutter. Er hatte recht. Sie würden ihren Gesetzen Genüge tun und ihn sterben lassen. Vergessen standen die Schwestern um die beiden herum.

Die Rennbahn trennte die Kapitale brummend in eine Oberstadt und eine Unterstadt. Bis zum Mannesalter durfte kein Bewohner der Unterstadt in den anderen Teil der Polis. Das verhinderten gewissenhaft die elektrischen Wächter. Die Bahn war ein Band, das die Bürger der Polis zu zwei fremden Völkern machte. Manche Abende blinkten die elektrischen Wachen bedrohlich, wenn über die Straße hinweg zwei feindlich Gruppen Kriegslieder anstimmten.

Nur im Monat Erste Felge waren die Feindseligkeiten für eine Woche vergessen. Dann wurden die Plätze entlang der Straße bunt geschmückt. Die Stadtväter ließen aus den öffentlichen Speichern Speisen verteilen. Reiche Geschäftsleute stifteten Fässer trüben Bieres und saueren Wein. Gaukler führten ihre Kunststücke vor, und tanzende Bären hielten sich die blutenden Nasen. Wer nur halbwegs laufen konnte, wohnte dem Ereignis bei, Kranke wurden notfalls herangetragen. Behinderte saßen in den Zuschauerkäfigen und ergingen sich in stereotypen Bewegungen. Überall standen junge Männer, bekleidet nur mit einem Schamtuch und ließen die Ermahnungen ihrer Verwandten über sich ergehen.

"Paß' auf, mein Junge!"

"Geh' schnell hinüber, und den geraden Weg!"

"Mach' keine Kunststücke wie dein Cousin letztes Jahr!"

Meist nickten die Jungen nur stumm.

Die Fanfaren bereiteten allem Lärm und Übermut ein Ende. Der Bürgermeister schaltete die elektrischen Wächter ab. Auffällig bekleidete Schiedsrichter führten die Teilnehmer an die Startplätze. Der Pontifex Maximus hob den vergoldeten Wanderstab. In der Polis wurde es totenstill. Selbst die Behinderten zitterten nur noch verängstigt in ihren Käfigen.

Die Menschen konzentrierten sich auf die Straße. Leises Summen erscholl. Die Tribünen begannen zu vibrieren. Das Geräusch schwoll an zu einem Brummen, dröhnte und verschwand. Wieder summte die Bahn, stärker jetzt, nach und nach wurde es lauter, jedes Geräusch hatte seinen eigenen Beginn, seine eigene Geschwindigkeit. Jedes Brummen war Glied eines Bandes. Miteinander verwoben zu einem akustischen Muster schier unüberwindbarer Gefahr. Die Zuschauer redeten und schrien jetzt durcheinander, vereinzelte waren von ihren Sitzen aufgesprungen. Die Alten erzählen, das Band sei eine 'Autobahn', auf der die 'Touristenströme' vergangener Zeiten auf ewig dahinführen. Keiner mehr wußte, was 'Touristen' gewesen waren. Andere meinten, damals hätte es Kästen aus Metall gegeben, die auf vier Rädern den Menschen 'herumkutschierten', wohin er wollte, so sagten sie. Es gab auch die Legende, diese 'Autos' hätten immer mehr Menschenopfer gefordert, bis die Priesterschaft sie eines Tages aus den Städten verbannen mußte. Nicht einmal der der Pontifex wußte, wann das alles geschehen war. Hier in der Polis herrschte das Band seit Menschengedenken. Wer als Mann gelten wollte, mußte in den anderen Teil er Stadt und wieder zurücklaufen. Sonst lief fürderhin für ihn gar nichts mehr. Heute war der Tag, an dem die Mütter der Arbeiterschicht ihren einzigen Sohn mit dem Tod laufen sahen. Wiederum ertönte die Fanfare.

Die ersten Läufer sprangen auf die Fahrbahn. Die Menge hörte, wie sich die Geräusche veränderten. Es quietschte, heulte, klirrte; dumpfes Aufeinanderschlagen, eine Sirene. Quietschen, wieder Brummen. Der erste Läufer hatte die Straße bezwungen, weitere folgten, vereinzelt wurden Freudenschreie laut. Ein Stöhnen ging durch die Menge. Der Läufer mit dem roten Schamtuch wurde hochgerissen, es schien, als rollte er durch die Luft, fiel zu Boden und veränderte sich gespenstisch, bis er nur ein blutendes Bündel war. Das Band quiemte, schepperte, klirrte, nahm sein erstes Opfer mit lautem Triumph entgegen. Schrille Angstschreie aus den Behindertenkäfigen begleiteten das gespenstische Ritual. Die Autopolitaner kannten dies. Seit die Stadt hier lag, ließen sie die Mütter an diesem Tag leiden, ergötzten sie sich am Blut der Initianten. Von den sechzig Läufern, die am Morgen in die Oberstadt aufgebrochen waren, kamen fünfundfünfzig dort an. In den Abendstunden - der Pontifex verkündete mit einem Benzinbrandopfer die 'Rush Hour' - wurden die Pediatoren von den Bürgern der Oberstadt wieder zur Fahrbahn beleitet. Dreiundvierzig Mütter konnten bei den Feiern zur Mitternacht ihre siegreichen Männersöhne in die Arme schließen.

In der ersten Festnacht von Autopolis bereitete sich das nächste Schock Jünglinge auf die Weihe vor; rüsteten sich Burschen für den Tod, ohne richtig vom Leben zu wissen. Bis auf AB'iös! Obwohl er einen anstrengenden Wettkampf vor sich hatt, hämmerte und sägte er an einem Fuhrwerk, das den gesamten Hof ausfüllte. Sein Bruder hatte vor seinem Tod noch festgestellt, es habe schon fast 'Band'-Breite. Zum Lauf hatte man sie kurzfristig in getrennte Laufschaften eingeteilt.

"Der Läufer mit dem roten Lendentuch!" hatte der Schiedsrichter nur lapidar seinen Tod ausgerufen.

Nach AB'iels Tod arbeitete AB'iös noch fieberhafter an seinem Gefährt. Der Plan mußte gelingen.

Am nächsten Vormittag, als die Gaukler und Trinker, die Priester und tanzenden Bären die Plätze beherrschten, schoben sechs Gewerker, Mitglieder einer längst verkommenen Arbeitervereinigung, das Fuhrwerk in die Nähe des Startplatzes. AB'iös wurde, wie am Vortag sein Bruder, von seiner Mutter und den Schwestern zum Rennen gebracht.

"Es kann mir nichts mehr passieren, Mutter; mit AB'iel bin ich schon gestorben. Aber was auch immer geschehen mag, es muß so sein. Zu lange schon tötet die Priesterschaft unsere zweitgeborenen Söhne bei der Geburt, zu lange schon schickt der Tempel die Erstgeborenen in den Tod auf der Straße! Um Männer aus uns zu machen. Pah!" Blinde Wut erfaßte den Jungen.

"Bitte, AB'iös, lästere du nicht auch den Tempel, das hat schon deinen Bruder ..."

"Unsinn, Mutter. Der Pontifex hat ihn in die Arena geschickt, obwohl er wußte, wie es um AB'iels Bein stand. Und AB'iel wollte nicht als Behinderter im Käfig sitzen. Und ..."

"Sei still!" bat die Frau.

"Was willst du noch alles überhören? Das besoffene Gröhlen der Priester in den Gängen unter der Straße, wenn sie so 'unmännlich' gefahrlos die Stadtteile wechseln, um sich an unseren Mädchen zu vergreifen. Das Stöhnen der Arbeiter im Betonbruch? Ihr Heulen, wenn sie von den Ruinen der 'Wolkenkratzer' in die Tiefe fallen? Das Weinen der Arbeiterfrauen, wenn sie ihre Söhne auf dem Band geschlachtet sehen? Was noch alles?" Vor Wut und Trauer verstummte AB'iös. Die Fanfaren riefen zum heutigen Lauf. Er schloß sich seiner Gruppe an.

Die Menge lauschte ehrfürchtig dem Raunen des Bandes. Mit den Segenswünschen des Pontifex traten die Pediatoren hinaus auf die Bahn. Nur der Schmerzensschrei eines Opfers war vorerst zu hören. Allmählich veränderte sich die Geräusche. Es quietschte, klirrte, schlug dumpf auf. Weitere Läufer wurden getötet. Die ersten Jungen hatten die Oberstadt erreicht. Plötzlich wurde die Menge unruhig. Ein riesiges Fuhrwerk rollte auf die Straße. Noch bevor die Ordnungskräfte reagieren konnten, waren die Gewerker in der Menge untergetaucht. AB'iös ging langsam neben seinem Fahrzeug her. Immer wieder zuckte er, als wollte er lossprinten. Da geschah es! Unter lautem Quietschen begann eine schier endlose Serie von dumpfen Schlägen! Es klirrte fast ununterbrochen, die Rennbahn begann nach verbranntem Gummi zu stinken; die Hitze drängte die Menschenmenge vom Straßenrand zurück. Wieder mischten sich die Schreie der Behinderten in das ohrenbetäubende Geräuschinferno; schließlich jagte eine Rauchwolke die Bahn entlang durch die Stadt und das Fuhrwerk fiel berstend zur Seite. Zwischen Ober- und Unterstadt lag nur noch ein verkohlter Feldweg.

Der Ponitfex Maximus fluchte gotteslästerlich in die Schreckensstille. Ein Gewerker hatte die Käfige der Behinderten geöffnet. Johlend rannten sie den Weg auf und ab, wirbelten Asche auf und brachten all ihre aufgestaue Angst in bizarren Bewegungen zum Ausdruck. Die Bürger verweilten in atemloser Starre. Sie wartete auf den Tod dieser jaulenden Kreaturen, die hier das Heilige Band entweihten. Doch kein Quietschen, kein Klirren schwoll aus der Stille an. Unsicher formierte sich ein Trupp Gewerker und rannte mit der Ruf "Es lebe die Schaft!" zur Oberstadt hinüber. Eilig bezogen Ordnungkräfte Posten, um die brodelnde Menge in Schach zu halten. Ein Feuerschlucker sprang auf die Trümmer von AB'iös Wagen und zeigte mit feuriger Zunge Richtung Tempel.

"Rächt euere Söhne!"

Nicht einmal die Feuerwaffen der Wachen konnten jetzt die tobenden Arbeiter zurückhalten.

"Rächen wir unsere Söhne!"

Die Arbeiter von Autopolis überschwemmten die Oberstadt mit einem Meer von Blut für all ihre geopferten Söhne. Als der Morgen anbrach, brannten nur mehr vereinzelt Häuser und Paläste der Oberstadt, alles andere hatten sie der Straße gleichgemacht.

Wenig Menschen überlebten diese Nacht. Sie zogen unter AB'iös Führung weg von der Straße.

© by E. Perez Kurz-Ruesch
Weitere Kurzgeschichten von E. Perez Kurz-Ruesch

Webdesign - GrafikDesign - Musik - SynBrain
© SALOMON - Letzte Änderung am 13. Juni 1999 / gs