Im Haferfeld

Irgendwann traf es ein. Der Mann lief mit dem kleinen Kind blumenpflückend und singend an einem Haferfeld vorbei. Sie hatten diesen Abendspaziergang beibehalten, wenn sie auch jetzt alleine lebten. Jeden Tag, wenn er aus der Arbeit kam, liefen oder radelten sie durch Wiesen und Felder zum Nachbarort und wieder nach Hause. Seine Angst hatte er lange schon gehabt, bevor das Kind zur Welt gekommen war, bevor seine Frau nicht mehr da war.

"Warum vergesse ich nur immer mein Messer?" nuschelte er vor sich hin; als sein Kind lockte, rief er: "Dort noch, die Kornblume!" Die kleine, glockenhelle Stimme ließ es warm in ihm aufsteigen, aus den Tiefen der Lenden, am Magen vorbei, freundlich zum Herzen empor.

"Warum ...", es sackte schwer nach unten in ihm. Seine Blase entspannte sich. Er rannte auf sein Kind zu, riß es hoch und jagte zum Haferfeld.

"Bleib sitzen, bis ich dich hole - und sag kein Wort!" zischte er und setzte das Kind im hohen Getreide ab. Mit einigen Sprüngen war er wieder am Weg.

Schon konnte er das Kratzen der Pfoten im Schotter hören. Das Tier war brusthoch, hatte einen doppelt menschenkopfgroßen Schädel und eine abgerissen Kette um den Hals. Mit jedem Satz holte es drei Schritte des Mannes auf. Nur den Gürtel in der Hand - er gab die Flucht auf. Er stemmte die Füße in den Boden, als das Tier sprang.

Dann rollten sie eine Böschung abwärts. Mit Armen und Beinen klammerte sich der Mann an den Koloß, den Kopf unter die Lefzen gedrückt. Lautlos landeten sie im Bach. Im Wasser klammerte der Mann weiter. Das Tier begann zu zappeln, versuchte ihn abzuschütteln. Er klammerte, kaum noch bei Bewußtsein. Die Bewegungen des Hundes wurden ebenfalls langsamer.

Die Männer auf der Brücke bemerkte keiner von beiden. Regungslos beobachteten diese den Kampf.

"Wir müssen schießen, sonst ersäuft er", drängte schließlich der Alte. "Okay, bei drei", erwiderte sein Sohn. Die anderen Begleiter nickten stumm.

Schließlich gelang es dem Hund, den Mann abzuschütteln. "... drei!"

Der Mann hörte es nicht; der Schrot, die Kugel und die Stahlmantelgeschosse ließen ihn sich immer und immer aufbäumen; rote Schaumkronen entstanden auf dem Wasser. Nur der Alte schoß auf den fliehenden Hund. Traf ihn aufs zweite Mal. Schwer hoben sie den toten Mann aus dem Wasser.

Das Kind saß still im Haferfeld. Mit jedem lauten Ton drückte es sich mehr an den Boden. Erst hungerte es, dann fror es, weinte tonlos nach seinem Vater. Schlief ein!

Im kalten Morgengrauen sah es nur kurz den Mähdrescher über sich.

© by E. Perez Kurz-Ruesch
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