Sein ist Wahrgenommenwerden

Wen interssierte nach all den Begebenheiten noch, wer Heribert Kalb war? Herrn Diogenes vielleicht, der suchte ja Menschen, doch wie sollte der Herrn Kalb jemals kennenlernen? Also interessierte sich anscheinend niemand dafür, wer Heribert Kalb war.

Solches Übersehenwerden hatte Kalb im Grunde nicht verdient; er war mittelgroß, hatte mittlere Haarlänge, mittelstarken Bartwuchs, war durchschnittlich intelligent mit Sonderfähigkeiten. Somit war halbwegs die Chance gegeben, beachtet zu werden. Es gab nur einen Haken.

Mit Heribert Kalb hatte dies alles nichts zu tun. Aber schon gar nichts! Sondern es war Alexanders Sache. Der jedenfalls konnte nicht umhin und zog drei Frauen in den Strudel der Ereignisse.

Die Wurzel des Ganzen war dick. Sie hatte die füllige Gestalt des Studienrates Lüsche, dessen Passion Afrikaans war. Im letzten Jahr seines Schulbesuches, eigentlich mehr Aufenthaltes, hatte Alexander bei ihm diese Sprache annähernd gelernt. Noch etwas hatte er gelernt. Ein deutsch-südafrikanisches Mädchen kennen. Leider war Maria bald darauf mit ihren Eltern nach Südafrika verschwunden. So empfand es zumindest Alexander. Er hörte fast zwei Jahre nichts von ihr. Bis eines Tages ein Brief unter seiner Tür durchgeschoben wurde. Von diesem Tag an galt sein Hauptinteresse nur noch Südafrika. An Heribert Kalb dachte er mit keiner Gehirnwindung.

Drei Jahre vergingen im Laufe von acht Briefen; zwei von Maria, die immer ein Postfach angab, sechs von Alexander, der des öfteren die Adresse wechselte. Zwei Jahre vergingen ohne Briefe, dann kamen sechs Monate, in denen zehn Briefe ein Wettrennen machten, hin und her, her und hin, her und hin, hin und her, her und hin. Dann kam ein Brief von Carmen, einer Freundin Marias. Dieser wurde nicht mehr beantwortet. Alexander hatte geheiratet. Nicht Maria, Hannelore! Vier Jahre vergingen mit Grußnoten. Dann stellte Alexander fest, er sei ein Idiot gewesen. Er schrieb zwei Briefe, an Maria, an Carmen. Der an Maria kam nie an, er hatte ihn vorher verbrannt, falls sie mittlerweilen auch gebunden sei. Carmen antwortete: Maria sei verheiratet, ein Kind; aus ... hier im Lande kam die Antwort. Wie kam Carmen dorthin? Alexander rief an. Er lud sich ein. Der Besuch mußte aufgeschoben werden. Zwei Monate später rief er erneut an.

Heribert Kalb am Apparat.

Heribert Kalb und Alexander Leicht verstanden sich prima. Alexander Leicht und Carmen Steinberger-Kalb verliebten sich. Der Besuch erfüllte alle in diesem Kreis mit Hochgefühlen. Alexander und Carmen füreinander, Heribert und Hannelore für Carmen und Alexander, Maria, brieflich und photographisch, für Carmen, später auch für Alexander und Carmen.

Beim nächsten Besuch nahm Alexander seine Ehefrau mit nach ... hier im Lande. Hannelore bekam von einem Bild weg ihr nächstes Hochgefühl, für Peer, Marias Mann. Hier wurde Heribert Kalb das erste Mal übergangen.

Die Dinge entwickelten sich unfein, für Heribert Kalb und Hannelore Leicht. Carmen und Alexander trafen sich häufiger, sprachstudienhalber, wegen Alexanders geplanter Südafrikareise. Die beiden wurden nicht verrückt, sie waren nur verliebt. Sie liebten sich, wirklich, wie sie es nie für möglich gehalten hätten. Sie entdeckten, daß Alexanders Briefe für Carmen, nicht für Maria geschrieben worden waren und Carmen damals in Südafrika nicht, im Vertrauen, die Briefe ihrer besten Freundin, nein, sondern ihre eigenen gelesen hatte.

Hannelore, von der Zauberkraft solcher Briefe beeindruckt, schrieb nun Briefe an Maria, für Peer. Diese jedoch besaßen keine Zauberkraft, doch sie gaben Hannelore Hoffnung, Peer berührten sie nicht und Maria brauchte lang, um festzustellen, wer diese neue Freundin aus ... auch hier im Lande, war, die ihr so viele Briefe mit Häßlichkeiten über Alexander und Carmen schrieb.

Alexander verreiste, am Achtundzwanzigsten; Hannelore begleitete ihn noch bis zum Flughafen. Über Zürich nach Johannesburg; Carmen mußte dringend zu ihren Eltern. Über Zürich nach Johannesburg. Von Kapstadt schrieben sie einen Brief an Hannelore und baten um Verzeihung und Scheidung. Zwei Tage später verabschiedeten sie sich von Carmens Eltern. Ein Freund eines Onkels von Alexander erwartete sie in Perth, Australien.

Wen also interessierte, wie gesagt, noch, wer Heribert Kalb war?

© by E. Perez Kurz-Ruesch
Weitere Kurzgeschichten von E. Perez Kurz-Ruesch

Webdesign - GrafikDesign - Musik - SynBrain
© SALOMON - Letzte Änderung am 11. Februar 1999 / gs