"Erklären kann man's!" sagte der Staatsanwalt."...
"Den Entschluß gefaßt habe ich ... als wir zur Geburtstagsfeier meines Vaters fuhren; er ist ein lieber, ehrlicher Mensch, der sein Leben lang nie mehr für sich beansprucht hat, als ihm zugeteilt wurde; er hat meinen Bruder und mich zu ebensolchen ehrlichen Menschen erzogen; und wenn etwas außer Zweifel steht, dann, daß wir unseren Vater lieben und achten, auch wenn er seit dem plötzlichen Tod unserer Mutter schon die achte Freundin hat; wie gesagt, wir fuhren zum Geburtstag meines Vaters; der alte Ford Granada brummte Richtung Stadt; wir spielten Affenkäfig: Roxane, die Siebenjährige, erzählte aus der Schule, Ava, stimmte ihr mit aller Polyglossolalie einer knapp Dreijährigen in allem zu, unterstützt von Liz, ihrer Zwillingsschwester, meine Frau legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel; ich nahm eine Hand vom Steuerrad, faßte danach und begann zu singen wie ein Gondoliere; nicht einmal der Nachrichtensprecher konnte mit Treuhandabwicklungen und Bundesanstalt für Massenarbeitslosigkeit und Preis für Ezarth Reuters Wirtschaftsethik unsere kleine Familienfeier stören.
So rauschten wir lärmend dahin. Ich eilte der Idylle davon.
Die Hand Alexandras war rauh von ihrem Job als Zugehfrau, Roxane trug voller Stolz gebrauchte Lackstiefel, Avas Brille war zerkratzt, die von Liz verbogen. Das Geschenk für Vater beschnitt empfindlich unser restliches Wochenbudget.
Die Flicken im Schritt meiner Levi's schabten auf einmal unangenehm an meinen Eiern!"
Der Staatsanwalt unterbrach, wenige Tage später sei der Inhaftierte dann in eine Bank eingedrungen und habe dabei eine ältere Dame wie einen Hund erschlagen. Überraschenderweise habe ihn die Polizei auf der Treppe vor der Bank sitzend vorgefunden; er habe sich der Festnahme nicht widersetzt.
"Diese Frau hat Alexandra häufig auf sehr subtile Weise gedemütigt: an Weihnachten drängte sie immer 'Geschenke' auf, 'schöne' Stoffe von vor zwanzig Jahren, alte Haushaltsgeräte, fettig und durchgebrannt; oder Schokolade für die Kinder, trübe geworden, wie die Gedanken dieser ... schon gut ...
Wen wir nicht erwartet hatten, war die neueste Flamme meines Vaters: die Frau, bei der Alexandra immer putzte. Sie tat scheißfreundlich, 'ach daß ich sie hier treffe ist ja toll und diese süßen Kinderchen und so ein netter Mann und ob der mir nicht mal was reparieren kann meiner ist ja leider schon seit Jahren tot', und sie machte Vater dabei zu einem nur noch blöde grinsenden Idioten.
Sie hatte zuerst ausgesehen wie irgendeine reiche, alte Dame; von der Sorte, die jedermann mit ihrem Betreten einer Bank oder eines Geschäftes nach hinten verweist.
"Arrogant und mit avonnarzistisch glänzenden Runzeln bis hinein ins Halstuch," zischte der Verteidiger vor sich hin.
"Doch diesmal habe ich mich weder in die zweite Reihe verweisen lassen noch hatte ich vor, nur meinen gesellschaftlich zugebilligten Anteil mitzunehmen. Die Alte hatte zu kreischen begonnen. Alle dachten, sie sei nur hysterisch geworden, pinkelte wohl gleich unter den Röcken vor. Als wir uns an ihren Diskant gewöhnt hatten, war zu verstehen: 'Die Tasche, das ist die Tasche von meinem Mann; die hab' ich meiner Putzfrau gegeben, dieser asozialen Schlampe mit ihren vorlauten Gören und ihrem faulen, arbeitslosen Rammler ... Herr Kunze, weit kommen sie nicht ... Strauchdieb ...' Wie Sie sehen können, hat sie zuerst garnicht mich erkannt, nur ihre ..."
Zeitungsmeldung: Der Angeklagte hatte sein bedauernswertes Opfer mit einem brutalen Faustschlag gegen die Schläfe ...
"... hingerichtet ... im Zorn; auf diese arroganten Tanten, 'ich kann mir ja keine Gesichter merken, ach', die weiter nichts zu tun haben, als die Mieten in den Häusern ihrer vorzeitig unter die Erde gebrachten Ehemänner ständig zu erhöhen, die alle Furz lang Wohnungsbegehungen zu machen vorgeben und in fremden Schränken herumzustochern versuchen, diese ... diese ... und unsereins kann sich den Arsch aufreißen nur um seine Familie über die Runden zu bringen, zahlt sich dumm an Steuern, abgespeist mit Pauschbeträgen, und Sozialversicherung und soll schweigend zusehen, wie Frau und Kinder beschimpft werden und ... während sich die Hausbesitzerswitwen und Reuters, mit spitzen Fingerchen ein Sektkelchlein haltend, zuprosten und einander zusichern, sie seien doch der wichtigere Teil der Gesellschaft, dazu noch diese schwere Verantwortung - für Gott und Vaterland. 'Nur leider müsse man halt ein bißchen unpopuläre Wege gehen, ein bißchen entlassen, ein bißchen erhöhen, wenn's halt leider nicht anders geht. Aber wenn's wieder aufwärts gehen wird, ja dann ... bestimmt, aber leider ...'
Sie hat mich also an der Tasche erkannt. An der Tasche! Alexandra sie hatte mitgebracht: Ein Geschenk! Ich hatte sie im Keller gefunden, gedacht sie sei ein altes Familienstück.
Um's klar zu stellen, ich plädiere nicht auf Reue! Was ich will ist, im Prozeß meine Pauperisierung hinausschreien! Ich verdiene als Facharbeiter im Grunde eine Menge Geld, das ich mir von Staat, Wirtschaft und ... sofort wieder aus der Tasche ziehen lassen muß. Ich werde schreien und beschuldigen, denn Regeln gibt es ja auch keine mehr zum Einhalten. Nicht zuletzt die Politik unserer führenden Staatsmänner hat uns auf den reinen Zinsfaktor reduziert."
Das Ende des abgelaufenen Tonbandes plabberte, leise den Tonkopf des alten Gerätes flagellierend, aufdringlich ins Schweigen der Zuhörer.
"Nur gutheißen möcht ich's dennoch nicht!" beendete der Staatsanwalt seinen Satz.
© by E. Perez Kurz-Ruesch