Eigentlich wollten wir nur schnell ein letztes Mal mit unserer kleinen Tochter Verstecken spielen. So nach dem Motto: jeder versteckt sich gut und sucht sich dann gründlich. Eine schöne Art der Selbstfindung.
Während Nadine ihr Gesicht ins Sofa drückte, aus den Augenwinkeln spitzte und übermütig kicherte, verschwand meine Frau im Schlafzimmer unter dem Nähtisch. Ich glaubte mich hinter der Wohnzimmertür bestens aufgehoben, da unser kleines Büffet verhindert, daß die Tür völlig aufgeht. Also klappte ich die Wohnzimmertür nach hinten und lehnte mich, wie schon hundert Mal vorher, an die Wand.
"Sieht's hier aber komisch aus!?" dachte ich noch und war durch die Wand hindurchgeglitten.
"Papa, Papa!" klangt es schwach hinter mir her, während ich einen abschüssigen Korridor hinabstolperte; rückwärts, da ich nicht genug Platz hatte, mich zu drehen. Der Boden war nicht sehr abschüssig, ging jedoch zusätzlich schräg zur Seite. Zwanzig Zentimeter über meinem Kopf trafen die Wände in spitzem Winkel zusammen. Als ich auf den Hintern plumpste, kamen die Wände nach wie vor zwanzig zentimeter über meinem Kopf zusammen. Dieser dreieckige Korridor schien nicht lang zu sein, denn von unten herauf drang Licht in sattem Orangeton. Es färbte meine Kleider moosgrün und meine Haut glänzte fettig safrangelb.
"Papaa!" klangen noch einmal die Stimmen meiner Tochter und meiner Frau zu mir herab. Gerade wollte ich wieder aufstehen, als der Korridor doch steiler wurde und ich eine Reihe rückwärtiger Purzelbäume nach unten hin machte. Die Wände ächzten angestrengt, sooft mußten sie sich anpassen.
"Selber Schuld", war das Einzige, was mir momentan im Kopf herumging. Fragen Sie mich jetzt nicht, wen oder was ich damit gemeint haben könnte. Nach einem letzten halben Purzelbaum stand ich kopfunter mit dem Rücken an einer Wand. Ich war mir völlig sicher, hier vorhin keine Kurve gesehen zu haben. Rasch ließ ich mich zur Seite gleiten und stand auf.
Der Korridor quiemte unter meinen Bewegungen. Rechter Hand zehn Zentimeter, linker Hand fünfundzwanzig Zentimeter und über dem Kopf zwanzig Zentimeter Freiraum. Ich versuchte, den Gang emporzuklettern, fiel aber sofort wieder abwärts, eine neue Kurve fing mich auf. Ein weiterer Versuch zu fliehen, wurde mir entsprechend unsanft verwehrt. Diesmal seufzte ich!
Unsicher stand ich auf und ging auf das Licht zu. Über mir schien jemand zu laufen, dazwischen die tippelnden Schritte eines kleinen Kindes. Bestimmt amüsierten die beiden sich königlich. Bald hörte ich endgültig nichts mehr. Langsam, sehr langsam, kam ich der Öffnung näher. Es roch nach Computern, nach Rechenzentrum und Putzfrau. Als ich den Eingang erreicht hatte, schaltete sich das Licht geräuschlos aus.
Doch trotz der Dunkelheit sah ich. Ähnlich einer Dunkelkammer gaben verschiedenförmige, unterschiedlich rote Glühbirnen ein knappes, aber sehr bestimmtes Licht ab. In der Mitte des Raumes hatte jemand an einen runden Tisch sechs Dreiecke gelehnt; sah ich. Auf der Tischplatte leuchteten Birnchenreihen den Mittelpunkt, den Radius und den Umfang aus. Hintereinander herschnellend, wie die Blitze vor einer Autobahnbaustelle. Das leise Brummen eines Elektrogerätes war zu hören. Vielleicht der Kühlschrank für die Getränke der Operatoren.
Da erhob sich eines der Dreiecke. Es hatte wahrhaftig genau die Form des Korridors!
"Komm her!" rechnete es gebieterisch im Zahlenzentrum meines Gehirnes. Ich stutzte und spürte ein Reißen oberhalb der Nasenwurzel.
"Komm her!" befahl es noch einmal in meinem Kopf.
Ich trat an den Tisch und gnadenlos langsam lullte mir das endlose Err Quadrat Pie jeden noch freien Denkvorgang ein. Schwindel bemächtigte sich meiner, circa zwei Drittel zu einem Drittel, zwischen meinen Ohren. Mein Kopf wurde nach rechts hin schwer. Ich blickte zurück und sah den Korridor jetzt nicht mehr so verzerrt wie vorhin. Die Schwere wanderte aus meinem Kopf, die Schultern entlang abwärts zu den Zehen des rechten Fußes. Ich bekam einen Streckkrampf und genau im Schnittpunkt der Zehennägel, angesetzt am sogenannten Mond, wurden kleine mathematische Orte bestimmt. Es schmerzte nur geringfügig. Err Quadrat Pie hielt mich weiter in seinem Bann. Mein linker äußerer Knöchel wurde Ziel fünfer Strahlen aus den mathematischen Orten meiner rechten Zehen. Ein Schnittpunkt, gut definiert, ohne Unbekannte. Eine summende Diagonale führte blitzartig die Verbindung vom linken, äußeren Schnittpunktknöchel mit dem Zweidritteleindrittelschwerpunkt im Schädel, zwischen den Ohren, wie oben schon bemerkt, durch.
Jetzt konnten wir mühelos miteinander kommunizieren. Das orange Licht ging wieder an. Nun wandten sich auch die anderen fünf Dreiecke an mich.
"Willkommen!" murmelten sie eintönig, wie das Brummen eines Großrechners am hinteren Ende.
"Jetzt sind wir sieben! Du weiß doch, S I E B E N ist eine magische Zahl, eine heilige Einigkeit. Bald gehört das Haus uns. Dann können das Absolut Rund, Err Quadrat Pie und die Sieben Dreiecke ungestört arbeiten. In schönen hellen Räumen", erzählte ein behäbiges Gleichschenkeldreieck.
"Wir müssen nur noch deine mittleren Sektoren neu zusammenfügen, das ist zur Vektorenkonferenz unumgänglich!" meinte ein bißchen zu gleichmütig ein messerscharfes spitz zulaufendes Dreieck.
"Es wird noch einmal sehr weh tun, aber dann gewinnst du als echtes Dreieck, als einer von uns, ein neues Leben", lächelte warm ein Gleichseitiges.
Die drei anderen schwiegen. Ich spürte ihr Lauern. Ohne Übergang zog ein weiterer Messerscharfer die Wurzel der EKG-, EEG- und Radiokarbonwerte einer spektral potenzierten Hypothalamusmanipulation. Das tat unmenschlich weh.
"Laßt mir doch Bedenkzeit!" jammerte ich.
"Nimm den Rechner, dann geht's schneller am Anfang, und wir brauchen nicht so lang auf deine Entscheidung zu warten!" sagte streng das Begrüßungsdreieck.
"Ich will denken und fühlen, nicht rechnen," entgegnete ich unwirsch, spürte ein erneutes Wurzelziehtrauma und brüllte hysterisch: "Laßt das!"
"Wir wollen dir doch nur helfen," meinten die drei Schweigenden auf dem Impulsweg.
"Laßt mich zehn Minuten auf und ab gehen. Entschuldigt, ich bin noch nicht so ganz Dreieck wie ihr und so brauche ich noch die Gesamtbewegung. Ihr versteht schon, das Menschliche in mir fordert seinen Tribut!" zwinkerte ich ihnen zu.
Dieses Zwinkern verblüffte sie. Sie versuchten es nachzuäffen und wandten sich einander zu. Absolut Rund unterbrach kurz sein Blinkern, für einen winzigen Moment. Bruchteile der Zeit herrschte Materie Minus. Ich schubste das Empfangsdreieck über Absolut Rund, das dadurch Err Quadrat Rho blinkerte und die Dreiecke in Rauten und Trapeze transformierte. Es wurde laut im Dreiecksheim. Mir geschah nichts. Ich war noch kein Inseiter.
Keuchend hastete ich den Gang hoch. Absolut Rund hatte die Kontrolle wiedererlangt. Die Formen ordneten sich und alle sechs Dreiecke jagten hinter mir her nach oben. Die Wände wimmerten fürchterlich. An vereinzelten Stellen entstanden Risse. Eine blutähnliche Flüssigkeit machte den Boden glitschig: En Hoch Ix Saft, ungiftig zum Glück, der entstand, weil zu viele Transfigurationen fixer Definitionen vorgenommen wurden. Im Bereich unserer Gebrauchs- und Schulmathematik kommt die Flüssigkeit so gut wie nie vor.
Ich sauste weiter. Auf die Wand zu. Da entdeckte ich meine Stimme wieder in mir. Mein Schrei versetzte den Dreieckigen einen irreparablen Schock. Sie konnten die Meßwerte der Schallwellen nicht radizieren. So fehlte ihnen die Definitionsfähigkeit und das Umsetzen der indefiniten En Hoch Ix Wurzelvektion ließ sie mehrmals orientierungslos mit aller Wucht gegen die Wände des Dreieckstunnels rammen. Die Risse wurden breiter und der Stollen fiel in sich zusammen. Das ergab einen Antimateriepunkt, der die Dreiecke ihrer Winkeldefinitionen beraubte, wodurch sämtliche Diagonalen und Linien durch Löcher und Risse des Tunnels abstrahlten. Eine Druckwelle preßte mich nach vorn und schon stand ich wieder hinter meiner Wohnzimmertür.
Geschwächt fiel ich auf den Teppich. Die Tür krachte ins Schloß. Zitternd erhob ich mich. Ein Dreieck war in den Fußboden gebrannt. Als hätte jemand von meinem Kopf, zum rechten Fuß über den linken, äußeren Knöchel wieder zum Kopf hinauf eine Linie gezogen.
"Papa, wo hast du dich so lange versteckt," fragte vorwurfsvoll meine Tochter, als sie ins Zimmer kam.
"Sag' bitte nicht, du seist die ganze Zeit hinter der Wohnzimmertür gestanden, da haben wir dreimal nachgesehen!" plärrte meine Frau aus der Küche.
Sie kam auf Nadine und mich zu. Ich konnte leider nicht verhindern, daß sie unserer Tochter eine Standpauke hielt, sie dürfe keine Dreiecke mit dem Filzstift auf den Teppich malen.
In der Wand ist es seither übrigens ruhig geblieben. Verstecken wird jetzt im Sommer, Gott sei Dank, eh mehr im Garten gespielt. Und die Äpfel benehmen sich nicht verdächtig.
© by E. Perez Kurz-Ruesch