In Klausur

"... und deshalb wird für die Zukunft, in einer Welt von immer mehr Dunst und Gestank, der Such- und Spürhund eine nie dagewesene Rolle spielen!" Falls er noch etwas hatte sagen wollen, schnitt ihm der Applaus begeistert und unbarmherzig die Rede ab. Als Vorsitzender des weltweiten Such- und Spürhundverbandes hatte er jedoch verkündet, was ihm am Herzen lag. Alles Weitere wäre Rhetorik gewesen. Dr. Steinhauser setzte sich lächelnd. Die Hundehalter klatschten Beifall, johlten vor Freude, vereinzelt war auch ein Bellen zu hören.

Gehobener Stimmung begab man sich zum Mittagessen. Die Hotelleitung hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen. Jedes Mitglied des "St.-Bastian-Such-und Spürhund e. V. int." bekam sein Menü, ein sogenanntes "Leckerfreßchen", in einem irdenen Näpfchen serviert. "Selbstverständlich ladenneu!" wiederholte ständig der schwitzende Chefkellner. Wo am Rand sonst "Bello", "Wuffi" oder "Malkendorst" zu lesen war, prangte der Name des Kongreßteilnehmers, Dr. Steinhausers gar in Gold; anstelle der Tischkarte.

Beim Mokka war alle Reserviertheit verschwunden. Sich duzende Gruppen saßen plaudernd im Foyer des Hotels. Andere spazierten gestikulierend ums Haus. Abgelegen aller Hauptstraßen, inmitten der Schweizer Berge, war das Hotel "Bergsee" ein Paradie für alle, die nicht gestört werden wollten; Tiere lehnte die Direktion ab. Um so besser konnte man sich seiner Lieblinge und Kameraden entsinnen. Um so tiefer gelang es, sich in sie hineinzuversetzen; sie, anschaulichkeitshalber, pantomimisch darzustellen, ohne ein fremdes Tier zu erschrecken.

Unruhe entstand, als eine Gruppe militanter, niederbayerischer Hundeführer in Frau Böhmers Referat "Der Hund als emotionelle Kraft in der Großfamilie" hineinplatzte. Bar ihrer Tiere hatten sie einen Dachs selbst gestellt, verfolgt und sich dabei verlaufen. Jetzt drängten sie dampfend zu ihren Plätzen. "Wenn ich also meinen Herzipoppi ...", versuchte die Referentin ihre Rede wiederaufzunehmen, als ihr einer der Hundeführer ins Wort knurrte. Tapfer lächelnd hob die Dame ein weiteres Mal die Stimme, doch zwei andere Besucher bellten sie nieder. Von der Empore jaulte plötzlich der Forstrat a. D. Butera herab. "Ruhe!" schrie Dr. Steinhauser gegen die sich ausbreitende Feindseligkeit an, konnte aber nicht verhindern, daß er seine Forderung energisch unterstrich: "Wuff!"

Frau Böhmer kratzte nervös am Rednerpult, begann weinerlich zu winseln, das sei aber nicht die feinste Art mit einer alten Frau umzuspringen, und schleppte sich von der Bühne. Ihre Rede fiel blattweise zu Boden. Goutiert von einem höhnischen Brummen des ersten Kassiers. "Wuff!" blaffte Herr Dr. Steinhauser ein weiteres Mal ins Mikrophon und setzte sich.

Zwei Saalkellner stellten ihre Getränketabletts kurzerhand auf den Fußboden. Jemand lachte, verfiel in gurgelndes Bellen als die Männer aus dem Raum rannten. Ein Serviermädchen wandt sich kreischend aus dem schwarzen Rock. Geschmäcklerisch knurrend hatte ein älterer Herr seine Zähne hineingegraben. Mit verdrehten Augen warf er seinen feisten Kopf hin und her, näherte sich schnüffelnd ihrem Geschlecht. Zwei Frauen, Damen besten Alters, benagten ihre Arme und Beine.

"Aber, aber, meine Herrschaften," erklang die Stimme eines bekannten Dackelbesitzers. Auch ihr war kein Erfolg vergönnt: die gemütliche Stimme endete in einem wienerischen Tenorschmähjauler. Und jetzt bellten die Männer und Frauen ungeniert, kläfften, knurrten gefährlich und verächtlich. Der Portier des Hotels "Bergsee" verriegelte noch die beiden Saaleingänge. Er erlag später im nächsten Hospital einer akuten Herzschwäche.

Ein letztes Mal versuchte Dr. Steinhauser die aufgebrachte Meute zu beruhigen: "Es gibt Tage, da wollt' ich, ich wär' meine Hund ..." stimmte er vergeblich an. Ohne Reaktion aus dem Plenum!

Beleidigt biß Herr Dr. Steinhauser daraufhin Frau Böhmer in die Hand.

Die Konferenz wurde im Jahresbericht nicht erwähnt.

© by E. Perez Kurz-Ruesch
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