Sie war schwarz. Wenn ich die Augen schloß und mit der Hand ihre schlanke Gestalt streichelte, brachte mich das Gefühl auf der Haut dem Himmel nahe.
Sie leuchtete matt im Neonlicht meines Labors. Für die Brünierung hatte mir der Militärische Abschirmdienst einen Extratausender bewilligt. Damit war die Perfektion ihrer exotischen Gestalt erreicht. Abend für Abend legte ich sie liebevoll in den Tresor, um sie am nächsten Tag voller Wiedersehensfreude an mich zu nehmen. Mir schien dann, als läge sie die ersten Stunden auf dem Schießstand besonders anschmiegsam in der Faust.
Ein Romantiker beim MAD nannte unseren Auftrag "Projekt Lawrence". Er vermeinte herausgefunden zu haben, sie sei die Waffe gewesen, die den britischen Oberst in den arabischen Aufstand begleitet hatte. Wie dem auch sei, ich begann sie "Lawrencine" zu nennen, oft auch nur "Schatz", und neidete meinem Kollegen, einem Microprozessoren- und -chip-As, jede Minute, die er mit ihr arbeitete. Er behandelte sie nach meinem Geschmack zu roh. Nun, ein Küstenwachoffizier muß ja von Natur aus mehr Gefühl für eine schöne Waffe habe.
Und doch - eines Morgens war Lawrencine nicht mehr im Safe. Mein flehendes Rufen blieb ungehört, mein fieberhaftes Suchen ohne Erfolg. Grob bezichtigte ich Professor Höltmann eines plumpen Unterschleifes, doch der beteuerte mehrfach, er wasche seine Hände in Unschuld. Lawrencine blieb verschwunden.
Professor Höltmann und ich hatten den Verlust persönlich beim Abwehrchef zu verantworten. Schließlich war beim letzten Besuch des Verteidigungsministers nur ein einziger Probeschuß auf ein falsches Ziel losgegangen. Wieder und wieder mußten wir vor einem Expertenausschuß unsere gemeinsame Arbeit darlegen.
Zum ersten Oktober vor zwei Jahren war ich von meiner Dienststelle, Kommandozentrale Unterstützungsgeschwader Skandinavien-Nordmeer, ins Binnenland nach Hannover befohlen worden. In einem heruntergekommenen Büro traf ich Professor Höltmann, ehemaliger Offizier, jetzt Schlabberjeanszivilist, der sich als wenig redselig, dafür als sehr kurzsichtig erwies. Wir wurden in ein anderes tristes Büro gebeten. Dort sagte uns ein freundlicher Opa in Skipperkleidung ein herzliches "Hallo" und setzte uns ohne zu zögern das "Projekt Lawrencine" auseinander. Noch während Höltmann überrascht seine Brille putzte, waren wir als Projektleiter eingesetzt; ich war mit gleicher Funktion Verbindungsoffizier zum Abschirmdienst. Mit einem "Tschüß Jungs" packte der Skipper seinen Colani und war weg.
"Sehr erfreut!" sagte Höltmann; er war mit dem Brilleputzen eben fertig. "Fangen wir an!"
Während Höltmann die meiste Zeit Computersimulationen ausarbeitete, baute ich mit einem Schweizer Büchsenschmied eine englische Offizierspistole um. Das Magazin wurde vom Lauf genommen und in den Griff versenkt. Dem Lauf wurde ein Kristallzug eingearbeitet. Ins Korn paßten drei Optiker, ebenfalls Schweizer, eine Photolinse ein. Eine dritte Einstellung am Sicherungshebel ermöglichte eine Kimme-Korn-Konstante, die über eine gehämmerte Legierung mit dem ursprünglichen Magazin korrespondierte. Dieses Magazin war auch das, was die Pistole zu Lawrencine machte: ein perfektes elektronisches Schießgehirn. Kinderleicht, vom Prinzip her gesehen: Die Photolinse "sieht" den Feind, gibt die optischen Impulse weiter ans Magazin. Dort sind Terroristen- und Verbrecherschablonen gespeichert, beim passenden Konterfei meldet das Magazin Kimme-Korn-Konstante und schon arbeitet der Arm des Gesetzes.
Professor Höltmann fütterte alle Daten Lawrencines in einen Großrechner: Gesamtgewicht, Kimme-Korn-Konstanten-Weg, Legierungsdichte, Treibladungsnullgeschwindigkeit, Gravour und und ... Ähnlich erstellte er die Terroristenschablonen, die er im Magazin einspeicherte.
Anfangs koppelte er Lawrencine an seine Simulationen. Sie arbeitete fehlerfrei. Dann trainierte er sie mit Pappkameraden. Hundertprozentig! Jetzt wurde es ernst für Lawrencine. Ich begleitete mit ihr zusammen eine GSG-9-Einheit bei ihrem Einsatz. Anstelle Lawrencines war ich der gefeierte Held des Abends. Zu dritt machten wir eine Reihe von Auslandsreisen, während derer Lawrencine einen Präsidenten rettete, ein Flugzeug vor dem Explodieren bewahrte und mir die Schützenschnur der Ledernacken einbrachte; um nur einige von Lawrencines Erfolgen zu schildern. Professor Höltmann optimierte ständig die Leistungsfähigkeit des schönen Instrumentes; ich war ihr Gefährte im Kampf. Im Herbst vor der Schließung der Baustelle nahm ich Lawrencine mit nach Wackersdorf, nachdem dort Terroristen des harten Kerns gesichtet worden waren. Ich legte sie vor mich aufs Autodach und wartete. Sie arbeitete wie immer präzise, schoß ohne viel Aufhebens!
Das Geschrei war fürchterlich. Im Moment des Schusses lief ein Kind in die Zielkonstante. Um es vorweg zu nehmen, das Kind konnte gerettet werden; von der Schußverletzung sind keine Nachwirkungen geblieben. Aber gehören Kinder wirklich an so einen Ort?
Lawrencine hatte seit diesem Versehen eine Schußhemmung. Erst dachten wir, es sei das Wetter, die Feuchtigkeit. Als Lawrencine auf dem Schießstand ebenfalls nicht arbeiten wollte, koppelte Professor Höltmann sie an den Simulator und ließ ihre Berechnungskurven auf einen separaten Bildschirm übertragen. Offensichtlich verweigerte sich unsere Geliebte. Sämtliche Berechnungen der Kimme-Korn-Konstante führten zu einer diametralen Zielansprache. Als Höltmann nach Stunden entnervt fertige Koordinaten und Potenzen in den Rechner hackte, blinzelte die Photolinse überhitzt und über die gehämmerte Legierung kam der Impuls "falsche Munition" auf den Monitor. Auch ein erneutes Ölbad konnte Lawrencine nicht umstimmen. Wir gaben auf. Am nächsten Tag war unser Kind weg.
Für nahezu zwei Monate fanden wir keine Spur von der Waffe. Schließlich brachte ein Anruf bei der Polizei uns nach bangem Warten wieder zu Lawrencine. Bis nach Süddeutschland mußten wir fahren, um unsere schwarze Prinzessin wiederzusehen. Aber - sie war am Ende. Was ihr kleines Gedächtnis uns noch mitteilte, war mehr als abenteuerlich.
Irgendein Pazifist hatte sie gefunden. Als sie dann einmal losging, hatte dessen Schwager sie einfach aus dem Fenster geworfen. Angeblich hätte sie grundlos auf den Finder geschossen.
Professor Höltmann und ich holten Lawrencines Überreste in den Norden zurück. Durch eine Notoperation versuchten wir zu retten, was zu retten ging. Dann legten wir sie in einen neuen Sicherheitsschrank und fingen an, die traurigen Ereignisse bei einer Flasche Cognac zu rekapitulieren. Schließlich hatte Höltmann eine Idee.
Er erarbeitete ein Tiefenentspannungsprogramm mit sanften Computermelodien und einer wunderschönen Landschaft. Nur Tiere brauchte Lawrencine zu schießen. Die meisten davon waidwund, also ein Gnadenakt. Gegen fünf Uhr morgens beschlossen wir mit roten Augen und verräuchertem Gehirn, Lawrencine zu wecken.
Ich bereitete sorgfältig ein Ölbad vor. Höltmann ging die neuen Magazine holen, überprüfte sie kurz mit einem Röntgendiagramm und trat dann, nach kurzem Zögern an den Safe.
Lawrencine lag glanzlos im Dunkel. Höltmann schloß sie an den Simulator an und startete das Programm. Nach einiger Zeit klickte die Schießautomatik, dann bewegte sich der Schlagbolzen; es war Zeit, das Magazin einzulegen. Der Bildschirm warnte noch mit dem Standbild "Hemmung", dann explodierte der erste Schuß im Lauf, die anderen Patronen detonierten im Griff der Waffe. Unser Labor glich einer Mondlandschaft. Höltmann war mit dem Gesicht unmittelbar am Lauf gewesen, er hatte den ersten Fangschuß genau sehen wollen.
Die Akte "Schießcomputer und ihre praktische Anwendung" schloß ein Sicherheitsbeamter des MAD ab. Höltmann und meine Lawrencine gab es nicht mehr. Ich war schon auf dem Weg zu meinem neuen Kommando.
Ich frage mich, was ich ohne Lawrencine machen soll?
© by E. Perez Kurz-Ruesch