"Wie heißt das, Sabine?"
"Ich hab' aber Hunger!"
"Ach Kind!"
Der Wind biß in die Nasen der Spaziergänger. Er wehte nicht ständig. Die Schwabacher genossen diesen Wintersonntag bei wechselndem Sonnenschein. Der Marktplatz war voller Menschen. Ein Adventsbasar erfreute groß und klein. Die Kinder waren hübsch herausgeputzt, mit farbenfrohen Mützen und bemusterten Jacken. Die Frauen, zur Feier des Tages, trugen schon den Pelz, dazwischen, als beige-karierte Dekorationsfiguren, die Männer. Man sah sich, ließ sich sehen, man begrüßte einander, sonnig-adventsonntläglich herzlich. Kurz, es war einer jener Tage, an denen Bürger und Stadt eins sind.
Nicht so in der Vierten Dimension: Irdisch betrachtet, halbrechts oben, zwischen Zeit und Materie. Dort saß der Stamm der Nihre und fror. Sie bauten langsam ein Magnetfeld auf, dann löste sich der Medizinmann und fiel in Trance. Ein weiteres Mal versuchten die Nihre in Kontakt mit dem Großen Wirker und Schöpfer zu kommen. Der schwieg. Gnadenlos wurden die Nihre, wie ungezählte Völkerschaften vor ihnen, in die Gesetze von Raum und Zeit gedrängt. Von einer Zivilisation wußten sie nichts, nicht einmal, daß sie diese ablösen sollten. Irgendwann.
Der Stamm wurde ständig kleiner; plötzlich wüteten Krankheiten; Hunger und Durst quälten sie; sie froren. Kein Tanz, kein Rausch brachte ihnen Rat. Sie glitten unaufhaltsam von rechts oben aus der Vierten Dimension nach links unten ins irdische Dasein. Der Pfad dieser Pein war lang. Aus dem Vierten Paradies vertrieben, waren sie bloß und absolut haarlos in die schneidende Kälte der Zwischenwelten gestoßen worden, ohne ein Zurück. Jetzt ging ihr Dasein als Geistwesen dem Ende zu. Bei Neumond konnten sie für ein paar Stunden über die Erde streifen - halbmaterialisierte Wesen. Mehr als zwei Meter groß und skelettartig schlank waren die Schattenjäger, kein heller Fleck machte ihre graubraunen Körper auffällig. Sie konnten überall hindurchschlüpfen, jede Mauerritze bot ihnen Schutz zum Aufbau eines Magnetfeldes. Bisher wußte kein Mensch von ihrem Kommen.
Was nützte ihnen Trance und Magnetismus? Sie froren, bis auf die Knochen. Ihr Zittern bedrohte mehr und mehr das Magnetfeld des Stammes, auf dem die Seele des Zauberers vor Gott tanzte. Wilder und wilder wogte diese Seele heute, die Verzweiflung des Schamanen riß die Krieger der Nihre mit; sie zuckten ekstatsich, fröstelten nur unmerklich und gewannen für kurze Zeit die Leichtigkeit der Vierten Dimension zurück, fühlten das Glück ihrer früheren Tage durch die gepeinigten Körper strömen, verdoppelten das Magnetfeld und stürzten nach einem schrillen Ruf des Medizinmannes wieder ab ins Semiterraische.
"Jagt Pelztiere auf der Erde. Bildet Jagdhaufen und durchkämmt die Erde. Geht sofort, es ist Neumond!" befahl der Vortänzer. Die Nihre erschraken. Bisher hatten sie sich auf dem direkten Weg, von Geist zu Geist, verständigt, ohne den verfremdenden Filter der Sprache. Ihr Schöpfer hatte endlich wieder zu ihnen gesprochen. Aber warum mit Worten?
Trotz ihres Erstaunens materialisierten die ersten Nihre und rannten los. Aus den Nischen der Zeit hatten sie Steinbeile und Holzspeere mitgebracht. Jagdhaufen um Jagdhaufen schwärmte über die Erde, die Kontinente, die Staaten, durch Wüsten und Steppen, durch Wälder, kamen in die Nähe der Städte. Jeder Trupp kehrte mit reicher Beute an Tierfellen zurück.
"Sakra!" brummte Reinhold Stierhoff in seinen Bart. "Sakrament!"
Auf der Polzeistation unterbrach er seine Anzeige so oft mit einem 'Sakra', daß die verärgerten Beamten umgehend einen Lokaltermin anberaumten. Stierhoff, der Bezirksschäfer, hatte nicht übertrieben. Ein winselnder Hund rannte hechelnd um eine Herde von Schafskadavern. Vereinzelte Zicklein blökten nach ihren Müttern. Umsonst. Fünfunddreißig ausgewachsene Schafe, allesamt mit Speerstichen getötet, waren auf archaische Weise ihrer Pelze entledigt. Die Polizisten gaben zu Protokoll, die Tiere habe jemand abgezogen, der das Abhäuten zwar nicht beherrschte, die Felle aber offenbar dringend benötigte.
Schon nach kurzer Zeit waren die Nihre größtenteils mit Fellen bekleidet. Nur ein Haufen wurde zurückgeschickt. Murrend zogen die Jäger ihre Waffen aus den Zeitnischen und materialisierten erneut - bei einer Baumgruppe inmitten des Schwabacher Wiesengrundes.
Nachdem sie auch diesmal nur einige Hunde, zwei Ratten und eine Katzen erlegt hatten, deutete der Spurensucher auf den weithin sichtbaren Kirchturm. Wild gestikulierend beschlossen sie, sich die Stadt anzusehen.
Der Wind biß gegen Abend heftiger in die Nasen der Spaziergänger, die Sonne war am Untergehen. Man hatte sich gesehen, sich sehen lassen und einander begrüßt. 'Heimgehen' lag in der Luft, die inneren Uhren schlugen mehrfach 'Abendbrot'. "Jetzt singen wir noch gemeinsam mit dem Kirchenchor die erste Strophe von 'Macht hoch die Tür'!" forderte der Stadtkantor seine Schäfchen auf. Danach löste sich die Menschenmenge gemächlich auf.
Ursula und ihr Freund sahen die Nihre als erste. Beide war augenblicklich tot und unter ein Magnetfeld gezogen. Der Trupp formierte sich zum Angriff. Mit ihren spröden Stimmen erzeugten die Jäger ein Aggressionsklangfeld in der kalten Luft. Die Nihre rannten durch die Fußgängerzone auf den Marktplatz zu. Frauen kreischten, Kinder weinten, Männer versuchten zu fliehen.
Die Nihre warfen Sisalnetze. Aus der verängstigten Menge holten sie sich nur vier Frauen: Frau Müller, die dicke, kleine Bäckerswitwe - ein Faß in schwarzem Persianer und Weißfuchsmütze, die Füße in Lederstiefeln. Frau Czierad, alternde Yuppiegattin - mit gestylter Fuchsjacke, Wildlederstiefeln und Faltenrock, passend im Farbton. Die Mütze ging im Trubel verloren. Frau Aschler - weinroter Webpelz, synthetisch. Die Haare auffallend rot gefärbt.
Zwei Jäger zerrten die tote Ursula, in ihrem Fohlenfellmantel, abgeschabt, Second-Hand-Shop, zur anderen Beute und warfen Friedrich daneben. Er trug eine Naturlederjacke mit gewachsenem Fell am Kragen. Ein Nihr krächzte belustigt über die Ängste und Gedanken der Gefangenen. Noch war es keine Schwierigkeit für die Jäger, in die Gehirne ihrer Beute zu sehen.
Die Nacht war hereingebrochen. Mit der Dunkelheit legte sich die Angst über die Stadt. Die Nihre webten über den Ort ein Feld aus Angst und Vergessenheit. Kein Licht brannte, kein Telefon klingelte mehr, die Bürger saßen auf ihren Stühlen und blickten sich verstohlen über die Schultern, drückten Kinder wie Schilde an sich. Draußen, keine fünf Kilometer entfernt, hatte man das Städtchen vergessen, fuhr daran vorbei, verschob Anrufe dorthin; wie selbstverständlich.
Das Rathaus ein Grabstein, die Stadtkirche dahinter eine Faust mit erhobenem Mittelfinger. Unter den Arkaden des Rathauses hatten die Nihre ihre Beute aufeinandergeworfen. Sie hatten die Beutemenschen betäubt, als sie nicht aufhörten zu wimmern. Der Sandstein der Gebäude schluckte alle Geräusche. Von Säule zu Säule spannten sich gußeiserne Stangen. Die Menschen sahen in dieser Nacht nichts von der mittelalterlichen Würde des Rathauses. Sie sahen auch die Nihre nicht. Doch sie fühlten, was mit ihnen getan wurde. Fühlten sich gezerrt und gezogen, in Netzen gefangen, geschlagen und gedemütigt. Sie schämten sich der schmutzigen Gedanken, die in ihren Hirnen spotteten; nihrische Obszönitäten. Schließlich wandten sich die Nihre Ursula zu. Sie ließen die anderen ihre Verwunderung mitfühlen, daß dieses Pelztier sich nicht mehr muckste. Zwei Nihre schleppten es zum Schönen Brunnen und hielten es ins Wasser. Es regte sich nicht. Die Jäger zerrten es zurück unter die Arkaden. Zwei Schlingen rasch um die Füße gelegt, dann zogen sie das Mädchen kopfunter hoch. Durch einen Energiestrahl skalpierten sie die tote Beute, damit das schöne, schwarze Haar nicht länger in den Schmutz hing. Ein Magnetfeld sirrte kurz auf, als die Nihre sich den Skalp zuwarfen und ihn über ihren Köpfen schüttelten. Den anderen Beutemenschen drückte das Sirren ein schmerzhafes Lachen in Kopf und Bauch.
"Ihr Schweine!" kreischte eine Stimme über den Platz. Im Schein einer Taschenlampe sah Wachtmeister Stöckl nur den Kadaver hängen. Die Schatten der Säulen verbargen die Nihre. Unkontrolliert verschoß Stöckl das Magazin seiner Dienstwaffe auf einige huschende Schatten. Ein Querschläger dematerialisierte einen Nihr, der in die andere Dimension verglühte. Seine Willenskraft hatte die Gefangenen betäubt und gefoltert. Für einen kurzen Moment atmeten sie erleichtert auf. Stöckl schob ein neues Magazin ein und ging mit vorgehaltener Waffe auf die Arkaden zu. Er versuchte, das Mädchen zu umschleichen. Unter den Bogen stoppte ihn ein rasender Kopfschmerz. Für den Bruchteil einer Sekunde vermeinte er sich von fünf hageren Riesen umringt. Er wollte eben feuern, als zwei Energiestrahlen seine Waffe zu einem Antimaterieteilchen zusammendrückten und Stöckl kosmisch liquidierten. Die Angst hatte das Städtchen endgültig in ihren Klauen. Wieder sirrte spöttisch ein Kraftfeld.
"Wie bei den Schafen!" befahl der Anführer. "Kreisschnitt am Hals, Längsschnitt am Rumpf, je ein Schnitt an den Extremitäten."
Sie pelzten Ursula schnell mit sengenden Energiestrahlen.
"Noch ein Fell?" krächzte ein Jäger.
Ein weiterer Strahl ließ eine Mohairpullover und eine Cordhose herabfallen. Dieses Unterfell war nicht brauchbar. Es ging sofort in Flammen auf. "Endlich das Leder", knarrte ein Dritter.
Die Nihre befühlten die Haut des Mädchens, befingerten die Brüste und rissen keckernd die vereinzelten Haareaus dem Warzenhof. Sie wunderten sich über das nächste Unterfell.
"Unbrauchbar!" bestimmte der Anführer und schnitt den Slip mit einem Steinmesser weg.
"Das ist aber ein Fellchen," kicherten die Jäger. Sauber skalpierten sie die Schambehaarung mit einem Kreisschnitt. Dieses Fell würde die Zierde für die Medizinmannsmütze geben. Sie legten Haupthaar und Schamhaar vorsichtig beiseite. Das Fohlenfell wurde auf dem Boden ausgebreitet. Es war weder blutig noch mußte es trocknen.
Die Nihre wunderten sich und untersuchten die anderen Beutemenschen. Schließlich beschlossen sie, als nächsten Friedrich zu pelzen, da er auf Schütteln und Psychomagnetcode nicht reagierte. Sie zogen ihn neben Ursula hoch und - schon hing die Lederjacke allein am Seil. Das Tier war aus dem Pelz geglitten. Unblutig und von selbst. Vorsichtshalber hängten sie Friedrich nun an den Beinen auf. Wieder die sauberen Energieschnitte, nichts Brauchbares, nur die Haupthaare; Unterfell auf Unterfell; letztlich wieder nur ein kleiner Skalp am Bauch. Die Haare auf der Brust rissen als einzelne Glücksbringer aus.
Mit einer asynchronen Wellenmodulation weckten die Jäger nun alle ihre Opfer. Die kreischenden Frauen wurden an den Knöcheln zusammengebunden. Vier der Nihre warfen sich über Frau Czierad und hielten sie an Kopf und Füßen fest. Ein Jäger tastete vorsichtig das Fell der winselnden Frau ab, zückte das Steinmesser und schnitt die Knöpfe vom Putz, bevor sie erneut aufschreien konnte. Rock und Pullover waren ebenfalls im Nu verschwunden. Gleichzeitig hatten zwei andere Nihre Frau Müller den Persianer ausgezogen. Das Fell machte den Spurensucher stutzig: "Haben wir nicht bei unserem letzten Jagdausflug zugesehen, was mit diesen Schafen geschieht?" überlegte er laut. "Ist das Vieh hier vielleicht auch trächtig? Dann hätten wir die Chance, ein besonderes Fell zu bekommen. Wir müssen nachsehen, wie weit die Leibesfrucht gereift ist!"
Er preßte Frau Müller die Beine auseinander, doch der Haufenführer gebat Einhalt: "Laß' gut sein. Zuviel Blut! Wenn wir erst hier leben, kommen wir nicht mehr darum herum. Jetzt reichen die trochenen Felle und die kleinen Skalps." Keckernd warf er seinem Scout die Weißfuchsmütze zu. Die Nihre bauten ein Spielfeld auf und unterbrachen vergnügt die Arbeit. Czierad-Müller, dreibeinig und in Unterwäsche, schob sich hinter eine Säule und hastete um die nächste Ecke davon. Ein Nihr hob den Speer, doch da flog die Fuchsmütze auf ihn zu. Das Spiel war jetzt wichtiger. Froh, kaum mit diesem widerlich klebrigen Blut in Berührung gekommen zu sein, spielten die Nihre weiter mit der Mütze.
Die Neumondnacht klammerte sich weiter nihrgrau über Schwabach. Die Turmuhr schlug zu jeder vollen Stunde, leblos, wie in Watte gepackt. In ihre neuen Felle gewickelt, bauten die Krieger ein Gesprächsfeld auf. Dann ließen sie gelangweilt ihre letzte Beute heranschweben. Wärme half ihnen, ohne die lästigen Sprachmuster, ihrem Magnet- und Energiemachismus in Direktverbindung frönen zu können. Wozu das Tier noch aufhängen? Zischend löste sich das Netz durch einen Strahl. Waagrecht hing die schlotternede Frau Aschler vor den Jägern.
"Ich zieh' mich freiwillig aus, ja? Wenn ihr wollt, auch nackt, ja? Macht es mit mir, wenn ihr wollt, ja?"
Mit fliegenden Händen riß sie ihren Mantel auf. Schon vor dem zweiten Knopf hatte ein Nihr das Kleidungsstück zerschnitten. Mit aufgerissenen Augen schob sie Hose und Unterhose über die Hüften. Ihr kleiner Skalp war nicht so außerordentlich rot wie ihr Haupthaar. Hastig zog sie den Pullover über den Kopf. Wieder half ihr ein Strahl, sich rascher zu entkleiden. Stinkend schmolz die Kunstfaser. Mit einem Schrei sprang die Frau auf, dabei flog die rote Perücke vom Kopf. Ein Nihr hob das Ding ungläubig auf. Er gab es weiter und griff der zitternden Aschler ans schüttere Haar. Für Augenblicke wankte das Magnetfeld. Die Nihre wackelten verwundert mit den Köpfen. Der Skalpierstrahl raste auf den nackten Bauch zu, vor den die Frau ein Stück ihres Mantel preßte. Wieder schmolz zischend und stinkend eine Faser. Jetzt meckerten und belferten die Nihre durcheinander wie eine Horde Affen. Der Anführer spürte die Gefahr. Er stieß einen Kommandotriller aus, und ehe sie durch ihre Fassungslosigkeit als Halbaffen auf der Erde festsaßen, bildeten die Jäger ein Dreieck, darin einen Kreis aus Fellen, und verschwanden.
Frau Aschler verrichtete unkontrolliert ihre Notdurft. Eisiger Wind kam auf. Frierend und schreiend rannte sie über den Marktplatz. Keine helfende Hand fand sich. Sie rannte aus der Stadt in den Wiesengrund und stolperte in den Fluß, der sie nach kurzem Widerstand mit sich nahm.
Erster Schnee war gefallen. Unter den Arkaden wiegten sanft zwei Kadaver im Wind. Die Spurensicherung ließ schon nach vierzig Minuten ein Bestattungsunternehmen kommen. Zeugen meldeten sich nicht.
© by E. Perez Kurz-Ruesch