Pharyngokrisen

Ich konnte diese Person nicht ausstehen. Bei jeder Unterhaltung quatschte sie zwanghaft dazwischen, über jeden Witz wieherte sie schrill heraus; oft schon vor der Pointe. Es war mir nach einigen Wochen unmöglich, in ihrer Gegenwart eine gute Kugel zu schieben. Zugegeben, ich hätte mir eine andere Kegelrunde suchen können. Nur fiel es mir schon schwer genug, als Neuer in eine feste Clique einzutreten; hinzu kam, daß auch mein Freund Roland mitkegelte und wir sonst wenig Möglichkeiten auf einen Plausch und ein gemütliches Bier hatten.

Sie kam vor einem knappen Jahr, Grethe, die Gattin von Kegelbruder Jochen brachte sie mit. Was heißt, brachte sie mit! Die beiden Frauen sangen gemeinsam im Kirchenchor. Dort hatte Grethe einmal von unserer Runde erzählt, eher nebensächlich. Kurz darauf erschien Frau Möhn bei uns, brachte ein dickes Heft mit, in das fortan Anwesenheit, Spielergebnisse und die Einsätze notiert wurden. "Kunis Kleiner Kegel Kreis" stand darauf, vier Gründungsparagraphen darin, und bald war aus unserer lockeren Runde ein verbissen kegelnder Privatverein geworden.

Wichtiges sagte man sich hinfort hastig vor ihrem Erscheinen. Ansonsten wurde gekegelt, gekegelt - und ihr gelauscht: Medizinisches allgemein, Krebs und Eiterbeulen im Speziellen, epische Ausführungen über ihre Gicht und als Dreingabe alles über einen zu engen Schlund: Pharynxkrisen, unter denen sie und ihre Familie schon seit Generationen zu leiden hatten. Der Hauch des Todes wehe bei jeder Mahlzeit, bei jedem Schoppen Wein um sie.

Im Laufe der Monate verließen uns einige Kegelbrüder, andere versuchten, ihr durch Einsilbigkeit zu entgehen, um den Moment ihres Abschiedes erleben zu dürfen. Doch "Kunis Kleines Kegel Kreis"-Buch wurde voll, ein neues trat an seine Stelle und schließlich waren es drei volle Kegelbücher. Es war nicht so sehr ihr Äußeres: kleine, dicke Witwen gibt es viele; auch ihre hypochondrischen Ausschweifungen wären zu ertragen gewesen, ihr Absolutheitsanspruch vielleicht durchzustehen, allein, es war ihre Stimme, die mich letztlich zwang, näher auf sie einzugehen.

Beim Adventskegeln bohrte sich ihre Frequenz wieder einmal in meinen Schädel. Sie unterbrach eben ihre Rede, um einen Schluck Wasser zu trinken, als ich ihr den alten Witz von den zwei Erbsen erzählte. Sie lachte, hustete und schalt mich 'ob meines Humors', so in etwas ihr Duktus, schüttete Kegelbruder Udo das halbe Glas Wasser über die Hose, - und erzählte weiter. Ich zündete mir eine Zigarette an, nur um mein Erstaunen zu verbergen: es hatte geklappt!

Nach dem Neujahrskegeln gingen wir "die Kegelkasse verfressen", gemäß Paragraph Vier von "Kunis Kleinem Kegel Kesetz ... Gesetz". Sie hatte das Nebenzimmer gemietet, wir waren unter uns. Um es kurz zu machen, ich erzählte erneut jenen alten Witz von den zwei Erbsen und versuchte meine aufgewühlten Nerven mit einer Zigarette zu beruhigen. "Du weißt doch, meine Speiseröhre!" entschuldigte sie sich bei Kegelschwester Karla für die Flecken auf dem Rock. Wir kegelten weiter bis ins Frühjahr hinein. Es gefiel mir jetzt wieder besser. Als der Sommer kam, wußte ich alles Nötige.

Das Cafe Reißer in der Innenstadt ist während der Woche kaum besucht. Ein paar alte Leutchen, manchmal Reisende bei der Kaffepause, und mittwochs --- "Kunis Kleiner Kaffee Klatsch"! Sie selbst hatte mir mit Augenaufschlag davon erzählt: "Ich mache immer solche Sachen!"

Und hatte vor allem von dem herrlichen Sandkuchen und den Kokosplätzchen geschwärmt. So war sie nicht überrascht, mich Ende Juni ins Cafe Reißer kommen zu sehen. Ich wurde an den Tisch geheißen, wehrte bescheiden ab, wurde den anderen Damen vorgestellt und saß nach einigem Hin und Her bei Kaffee und Sandkuchen am Tisch. Kauend gab ich nach allen Seiten Auskunft über Beruf und Privatleben, flocht eigenmächtig einige Anekdötchen aus meiner Kindheit ein. Die nächste Lage Sandkuchen orderte ich, und zum Entzücken der Damen obendrein noch eine Platte mit Kokosgebäck. Einmal mehr lauschte ich Kunis Medzinalien. Zwei Plätzchen lagen noch auf der Platte, der Kaffee war ausgetrunken.

"Die lassen wir doch nicht einfach liegen!" sang sie ein letztes Mal in meinen Schädel, ergriff ein Plätzchen, kaute es grob zusammen und langte noch schluckend nach dem nächsten. "Gehen zwei Erbsen", begann ich jenen alten, bekannten Witz zu erzählen, "spazieren ..."

"Hhhiii", unterbrach mich Kuni, als ich bei der Treppe angelangt war, vor der die eine die andere Erbse warnen will. Es war zu lang für ein Kichern, hörte sich an, wie der Buchstabe 'H' rückwärts gekeucht. "Vorsichtig, da kommt die Trepepepepe ..." erzählte ich weiter. Höflich überging ich Kunis Mißgeschick. Lächelnd sah ich den Damen mir gegenüber ins Gesicht.

Am darauffolgenden Montag war ich der erste beim Kegeln. Bis alle Kegelbrüder und Kegelschwestern eingetroffen waren, hatte ich bereits mehrmals alle Neune umgelegt. Trotz Kunis Abwesenheit wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Keiner hörte sich meine Witze bis zum Ende an. Auch mein Freund Roland, schien es mir, bevorzugte heute ernstere Themen. Nicht weiter verwunderlich für einen Menschen, der seine Freizeit meist mit Büchern verbringt. Beim nächsten Kegeln kamen kaum mehr Leute; wenn ich etwas sagen wollte, wurde ich harsch unterbrochen. Als sich mein Freund Roland mitten im Gespräch von mir abwandte und murmelte: "Auch Brutus war ein ehrenwerter Mann!" war ich ehrlich gekränkt.

Ich suchte mir per Annonce einen Squash-Partner.

© by E. Perez Kurz-Ruesch
Weitere Kurzgeschichten von E. Perez Kurz-Ruesch

Webdesign - GrafikDesign - Musik - SynBrain
© SALOMON - Letzte Änderung am 11. Februar 1999 / gs