Es war Weihnachtszeit und kurz vor Ladenschluß, als Sillert vor dem Würstchenstand in der Fußgängerzone einen großen Mann anrempelte, der einen schwarzen Mantel trug und den Hut tief ins Gesicht gezogen hatte. Er wollte sich gerade im Vorübergehen oberflächlich über die Schulter hinweg entschuldigen, als er merkte, daß der Mann ihm folgte. Ohne einen Laut griff der Schwarzgewandete an. Sillert stockte der Atem, als der Hüne ihn am Kragen hochhob und derb schüttelte. Dabei war der Mann so erregt, daß ihm der Hut vom Kopf fiel.
Sillert traute seinen Augen kaum, als er anstelle eines Gesichtes den Drehverschluß einer Tube sah, der sich ohne fremde Hilfe abzuschrauben begann. Eine weiße Paste quoll aus der kopflosen Gestalt. Der Würgedruck um Sillerts Hals verstärkte sich. Panik griff nach Sillert, er schwitzte und versuchte zu schreien, doch die Hände an seinem Kragen ließen keinen Ton heraus. Er trat nach dem Mann, die Paste lief langsam an dessen Armen auf Sillerts Gesicht zu, er zappelte am ganzen Körper, schon brannte der Pastendunst in seinen Augen, er krümmte sich zusammen und machte sich wieder lang, ein würgender Laut zeigte, wie der Griff sich lockerte, noch einmal wackelte Sillert in alle Richtungen gleichzeitig und dann war er frei.
Im schneeleuchtenden Halbdunkel des Weihnachtsnachmittags schien bisher niemand von Sillerts Kampf Notiz genommen zu haben. Inmitten geröteter Festgesichter und lebkuchensüßer Weihnachtsmusik begann Sillert um sein Leben zu laufen - seine Einkäufe weiterhin fest an sich gepreßt.
Das Ding begann unterdessen in seiner Körpermitte zu rotieren. Seine Hände preßte es oberhalb der Manteltaschen an die Seiten. Es sah aus wie ein zorniger Mann, der die Hände in die Hüften stemmt. Dann eilte der Corpus hinter Sillert her. Aus dem Hals quollen Taue weißer Paste, kreisend und surrend wie Propeller. Andere Fäden der Paste liefen am Mantel hinab. Ständig spritzte auch Paste in alle Richtungen und klatschte schmatzend zu Boden. Auf der Straße bemerkte man die Kügelchen im Schnee zuerst nicht, bis Tauflecken entstanden und die Narben im Teer sichtbar wurden.
Als erstes weinte ein Kind. Ein Mann starrte fassungslos, stumm im Schock, auf den Stumpf, der eben noch sein geschenküberladener Arm gewesen war. Ein anderer sackte, plötzlich ohne Beinprothese, überrascht zu Boden. Er lachte kurz und blöde auf - bis der Schmerz kam.
Sillert rannte ums Überleben. Das Ding, ein kopfloser Drohpriester, stapfte mit rotierendem Porpeller im Seemannsgang hinter ihm her, kaum weniger schnell als der keuchende Sillert. Hinab ging die Jagd über die Rolltreppe in den U-Bahn-Schacht. Weißer Schaum zerstörte hinter Sillert Gummi und Metall, Fleisch und Stein, zerstörte wahllos Leben und hinterließ wimmernde, körperlose Seelen.
Alles Zufall, denn nur Sillert verfolgte das Kopflose systematisch. Nur Sillert, der jetzt vom U-Bahn-Steig ins Tiefgeschoß eines Kaufhauses flüchtete, dabei eine Verkäuferin über den Haufen rannte und erneut eine Rolltreppe hinaufsauste. Die Schreie hinter ihm sagten Sillert, daß er auch hier nicht in Sicherheit war. Der Schaum würde solange Körper und Materie auflösen, bis er ihn, Sillert, gefunden hatte. Als die offene Tube durch die Parfümabteilung gepoltert kam, brach unter den wenigen Menschen eine Panik aus, worauf der Körper noch mehr rotierte und die Abteilung lückenlos einschneite.
Erst jetzt stellte Sillert seine Päckchen ab. Er nahm eines, das mit der Uhr für seine Frau, und warf es nach dem Ding. Flugs ergriff Sillert sofort die übrige Last wieder und rannte, ohne sich umzusehen, aus dem Kaufhaus, den Berg hinab zum Markt, kam zur Brücke, zerbrach einem fliegenden Händler die Auslage, sprang über die Scherben und lief hinter der Ufermauer entlang zur nächsten Brücke. Er kletterte auf das gemauerte Geländer und balancierte auf das Standbild des ruhenden Ochsen zu. Knapp hinter ihm klatschten Pastenpartikel und Schaumbälle auf die Brücke. Das Ding kletterte ebenfalls auf das Mäuerchen. Fast zögernd, mit steifem Oberkörper, setzte es Fuß vor Fuß und näherte sich unbeirrt Sillert. Der konzentrierte sich. Dann knackte es in der Mitte des Dings, ein Rülpser kam aus dem Hals, und es rotierte wieder. Ein armdicker Strahl der schaumigen Paste schwebte auf Sillert zu. Als er sich bückte, brach der sitzende Steinochse völlig eingeseift zusammen, fiel vom Podest, riß ein Loch in die schaumaufgeweichte Brücke und zog die Tube am klebrigen Tau hinter sich her ins Wasser.
Sillert starrte schwankend in den dampfenden, brodelnden und zischenden Fluß.
"Ich brauche noch ein Geschenk für meine Frau!" fiel ihm ein, als ihn zwei Sanitäter von der Brüstung hoben.
© by E. Perez Kurz-Ruesch