Der Wal

Hinten in der Halle, im dämmrigen Lila, lag der Wal. Riesig und durch den ellipsenförmigen Umriß zerbrechlich wie ein Ei anmutend; grellgelb erleuchtet. Der Steinboden glänzte bläulich. Längs der Wände liefen die Blutrinnen, gedunkelt, schmutzig.

Männer in weißen Mänteln liefen um den Wal herum. Brillen blitzten randlos, herzlos gelehrt stachen die Augen. Es roch nach Chlor.

Der Rücken des Wales war angeschnitten. Lange Streifen hatten sie abgeschält, wie Tapetenbahnen auf den Boden gelegt, achtlos gefältelt.

Einer der Männer nahm die große Zapfpistole vom Instrumententisch. Der Schlauch daran schleifte träge hinter ihm her. Sein Kollege bohrte währenddessen an der Basis des Walschädels, hinab zum lobus supralimicus, einen fingerdicken Kanal durch den Knochen. Ein dritter Weißmantel pfropfte energisch die Zapfpistole in die Öffnung: Golgi-Analyse, partielle Sektion des somato-motorischen Rindenfeldes, postmortale Animation der Seitenrumpfmuskulatur, des Kopfes, der Fluke und der Bauchflossen.

"Jetzt an!" herrschte es durch die Halle.

Verschwommen erkannte ein Tümmler die verglaste Loge im ersten Stock. Rauchglas, düster erhellt durch eine blaue Glühbirne, verbot den Blick ins Innere der sirenenförmigen Kuppel. Er stöhnte, langsam begann er auszutrocknen. Man hatte ihn ohne große Vorkehrungen in eine dunkle Ecke der Halle geworfen, sich dem toten Wal zugewandt. Er blickte nach oben. Würden sie ihn ebenfalls vorher töten? Nein, sie erledigten das immer sofort, sie harpunierten oder sie betäubten. Er war vorhin mühsam erwacht.

Die Stimme klang kathodisch reguliert durch die Halle: "Jetzt an!" herrschte sie noch einmal, während die Kuppel lautlos auf den Wal zuschwebte.

Ein leises Summen schwang durch den Raum, ging über ins Pfeifen einer Zentrifuge, glitt ab in eine nicht mehr wahrnehmbare Schwingung. Der Hebel am Tankzapfhahn knackte ordinär: voll! Die Zentrifuge sang, einen Ton höher, weiter.

Gespannt warteten die Männer. Der hohe Ton irritierte sie; wie eine geheime Botschaft, ein Aufruf, der sie sanft folterte, da sie ihn nicht verstanden.

Der Kiefer des Wales klappte auf und zu. Sie schienen selbst im Tode noch zu schnappen. Der Walkopf drehte sich, als wollte er den Tankhahn abstreifen. Der Hahn war fest in die Öffnung geklemmt.

Da reißt der Wal den Kopf nach vorn; dreht den Schwanz zum Bauch und streckt lang in die Halle, krümmt sich, unter Schmerzen noch einmal in der Mitte und springt, einer Stahlfeder gleich, zur Hallendecke.

Die Schienen der Glaskuppel bogen sich auseinander, noch während begeistert ein "Gelungen!" in die Halle schepperte; sofort übertönt vom Klirren der berstenden Kuppel und von den Todesschreien der Wissenschaftler.

Es springt der Riese ein zweites Mal in die Höhe. Sein Schrei klingt nach draußen, wie eine riesige Luftblase in einer gigantischen Wasserleitung. Er vollendet sein Werk mit einem letzten Sprung. Wände und Boden platzen auseinander. Wasser dringt ein.

Danach im Dunkel der gewaltsamen Hallennacht stirbt der Wal seufzend ein letztes Mal, diesmal in Ruhe, diesmal mit Würde.

Der Tümmler schwamm hinaus ins offene Meer.

© by E. Perez Kurz-Ruesch
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