Wipfelfresser

"Als es noch Autos gab, starben die Bäume. Sie starben anfangs sehr langsam. Man hielt ihre Kahlheit für eine verlängerte Winterruhe. In dieser Zeit der 'schlafenden Bäume' wurde das menschliche Kulturgut um den Katalysator erhöht und die Sprache endgültig jeglichen Gehaltes entleert. Die Bäume starben weiter, die meisten lange vor ihrer möglichen Größe. Es entwickelte sich unauffällig eine robuste Spezies großflächiger Buschbäume. Auffällig grün erfreuten sie den Menschen. Alles schien nun doch nicht so schlimm, wie einige Naturfanatiker aus dem Norden sich zu behaupten erdreisteten. Nur Kinder litten an kranken Atemwegen, mancherorts starben erneut und häufig die Erstgeborenen. Die Menschen schnitten neben den toten Stämmen weiterhin die lebendigen Bäume klein. Endlich ein Parkplatz, mit leiblichen Beeten! Dort noch die Umgehungsstraße über dem Trinkwasserreservoir der Kleinstadt, die Bankette bepflanzt. Die fahrenden Menschen wurden weniger, vier von fünf Kindern fraß der Moloch, verdaute bleifrei und ohne Limit nach oben. Wärmer und wärmer heizte die Sonne den kleinen Bruder Erde.

Als es keine Autos mehr gab, genug Kinder gestorben waren, fügten sich die restlichen Menschen langsam zurück in die Natur. Es entwickelte sich unauffällig eine robuste Spezies zartgliedriger Buschmänner. Von Generation zu Generation wurden die Eltern stolzer auf die serienmäßig kleiner werdenden Söhne und Töchter. 'Wie gut dein Sohn doch aussieht! Richtig schön klein und schmächtig!'

Im Dickicht des Buschwaldes sorgten Insekten für die Einhaltung einer geringen Population. Der Mensch lebte von Früchten und wildem Getreide. Nur das Insekt verlangte nach Fleisch. Die Arten hatten sich vermischt, waren verschmolzen zu einem Monstrum aus vielen Beinen, einem Magen und verkrüppelten Flügeln; durch einen Panzer unverwundbar von Außen, durch jahrtausende alte Chemie unvernichtbar von Innen. Die Menschen fügten sich.

Große Städte hatten sie schon lang verlassen. Sie ersehnten die Überschaubarkeit kleiner Gruppen. Ein kulturelles Unbehagen trieb sie danach aus den Dörfern. Viele flohen in lockeren Verbänden hinaus in die Savanne. Ohne Ziel. Einzig das Große Heiligtum zog sie seither wie magisch zurück zu den Ruinen der Zivilisation."

Der alte Mann trank aus seiner Schale, räusperte sich und wischte sich die Tropfen aus dem Bart.

"Es gab nur einen Mann, der sich für sein Kind schämte. Dieser Sohn war ein stattlich gewachsener Mensch, dessen Größe den Skeletten entsprach, die wir im 'Vier-Zylinder'-Turm gefunden haben. Als Kind wuchs er so schnell, daß ihn bald alle Clansleute 'Wipfelfresser' nannten! Wahrlich, er konnte aus dem Wald hinausblicken. Oft rettete er seine Brüder, denn er sah das Insekt kommen. So konnten sie rechtzeitig fliehen. Aus seinem eigenen Clan mochten nur wenige Leute 'Wipfelfresser'. Zu fremd war er den Buschleuten. Er war so stark, das er einem Insekt ein Bein brechen konnte. Er war so schnell, daß er einen aus dem Hinterhalt geschleuderten Speer mit der bloßen Hand aufgefangen hatte und damit drei der Angreifer aufspießte. 'Wipfelfresser' wollte sich nicht fügen. Er war ein Geist aus der alten Welt; wie ein Mensch, der Freiheit und ein Auto einfach forderte! Manchmal aß er Fleisch. Die Verachtung über ihn wurde nur leise ausgesprochen im Clan."

Der Greis stand auf und schlurfte allein gebückt zu einem gigantischen Zelt. Er hatte seinen Clansleuten befohlen, voraus in die Ebenen zu wandern. Nachdenklich schaute er auf ein Schild am Eingang des Zeltes: OLY.PI.ST..ION konnte er sehen, der Rest war herabgebrochen. Dann ging er hinein und befreite den Riesen von seinen Fesseln.

"Wipfelfresser' deine Kraft wurde dir nicht gegeben, um die Menschen in Angst zu versetzen. Du wirst in der 'Vier-Zylinder'-Turm gehen und darin alles zerstören. Im Erdgeschoß wirst du diese Autos finde. Zerstöre! Und weiter oben steht dieses Ding, das uns immer wieder zurückzieht in den Bann des Buschwaldes, der sich am Rande der großen Städte erstreckt!"

Langsam folgte der Alte seiner Sippe.

'Wipfelfresser' betrat brummend den Turm. Tat wie ihm geheißen, hob Autos an den Stoßstangen hoch, zündete die Trümmer an und ging nach oben. Es wurde heiß, und die Flammen leckten und züngelten an seinen Beinen.

"Oh Herr, gib uns frei!" brüllte er. Dann hob er das Rad ächzend über seinen Kopf und warf es aus einem der Windlöcher des Turmes. Das Rad zerbarst. 'Wipfelfresser' spürte ein Platzen in seinem Kopf. Die Flammen fraßen seine sterbliche Hülle.

Die Menschen in der Savanne jubelten. Sie spürten die Last aller Kultur von sich genommen. Zurückgegeben an die Natur machten sie sich erneut auf einen langen Weg aus der Zeit, der niemals überliefert werden würde.

© by E. Perez Kurz-Ruesch
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